Ukraine-Krieg

„Eintopf aus Granaten“: Ukraine-Soldaten schildern Drama um Verlust von Awdijiwka

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Russische Soldaten einer Artilleriebrigade feuern auf ukrainische Streitkräfte im Sektor Awdijiwka (Bild vom 8. März 2024).
  • VonBettina Menzel
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Zu wenig Munition, zu später Rückzug: Das berichten ukrainische Soldaten über den Kampf um Awdijiwka. Auch von einem plötzlich verschwundenen Kommandeur ist die Rede.

Awdijiwka – Der Mangel an Artilleriemunition der Ukraine macht sich immer deutlicher an der Front bemerkbar: Die Industriestadt Awdijiwka fiel am 17. Februar 2024 – es war die größte militärische Niederlage Kiews seit rund einem Jahr. Ukrainische Truppen hatten den Ort monatelang kontinuierlich verteidigt, eine Brigade fast seit Beginn des Ukraine-Krieges. Sie seien müde bis auf die Knochen gewesen, berichten ukrainische Soldaten der Nachrichtenagentur Associated Press (AP). In einigen Brigaden war offenbar wegen Personalmangels keine Rotation an der Front möglich.

Der Fall von Awdijiwka im Ukraine-Krieg: Himmel voller Gleitbomben

Die Stadt in der Oblast Donezk galt als Symbol des Widerstandes. Viktor Biliak, einer der Infanteristen der 110. Brigade, verteidigte Awdijiwka mit seiner Truppe seit März 2022. „Wir waren nicht so sehr körperlich erschöpft als vielmehr psychisch, weil wir an diesen Ort gekettet waren“, erklärte er im Interview mit AP. Seine Einheit sei zunächst am südlichen Stadtrand von Awdijiwka stationiert gewesen. Mitte Oktober kam dann der Soldat Oleh der 47. Brigade in der Stadt an. Zu Beginn seien die Russen schlecht vorbereitet und ein leichtes Ziel gewesen, so der Ukrainer zu AP. Doch Ende November, sei klargeworden, dass sich etwas verändert hatte: Der Himmel füllte sich mit Gleitbomben.

Awdijiwka fiel, weil Russland über mehr Munition und über mehr Soldaten verfügte. Hinzu kam die Luftüberlegenheit: Moskaus Truppen feuerten hunderte Gleitbomben von Flugzeugen aus sicherer Entfernung ab – etwa 70 Kilometer hinter der Front. Das geht aus einem Bericht der US-Kriegsexperten des Institute for the Studie of War (ISW) hervor. „Innerhalb von 24 Stunden wurden 250 [der Gleitbomben]“ in Awdijiwka eingesetzt, bestätigte der ukrainische Luftwaffensprecher Juri Ihnat Mitte März gegenüber CNN. Nicht nur die zerstörerische Kraft der rund 1,5 Tonnen schweren Bomben sei um ein Vielfaches größer als von Artilleriemunition, „auch die Wirkung auf die Psyche ist größer“, erklärte der Soldat Oleh der 47. Brigade AP.

Darüber hinaus brachte Russland bei Awdijiwka auch Sprengstoffdrohnen mit Bewegungssensoren zum Einsatz, die Personen in Gebäuden verfolgen konnten, so der AP-Bericht. Die Munition der Ukraine wurde indes immer weniger. Auf jede ukrainische Artilleriegranate hätten die Russen acht oder neun abgefeuert, hieß es von den Soldaten. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig verifizieren. Das Problem sei nicht nur die Übermacht an Munition gewesen, sondern auch der Mix. „Wenn man verschiedene Arten von Granaten hat, haben sie unterschiedliche Flugbahnen, und man muss berechnen, [...] wo sie einschlagen werden“, erklärte der Soldat Oleh. Gegenüber AP beschrieb er die Situation als „Chaos“ und einen „Eintopf aus Granaten.“

Ukraine-Krieg: Kommandeur verschwand kurz vor dem Fall von Awdijiwka spurlos

Am 8. Februar wechselte der ukrainische Präsident die Militärführung aus und ersetzte den Generalstabschef Walery Saluschny mit Oleksandr Syrskyj. Am nächsten Tag führten Offiziere in einem Gefechtsstand unweit von Awdijiwka offenbar hitzige Diskussionen. Ein Bataillonskommandeurs, der für Hunderte von Soldaten verantwortlich war, sei daraufhin mit zwei Soldaten in ein Auto gestiegen und verschwunden, berichtete AP. Einer der zwei Soldaten sei später tot aufgefunden worden. Vom Kommandeur und dem zweiten Soldaten fehle indes jede Spur. Geheime Informationen sollen die Männer laut ukrainischen Angaben nicht mitgeführt haben.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Angesichts des konstanten Drucks und der fehlenden Hilfe habe man über einen Rückzug nachgedacht, berichtete der Soldat Oleh. In der zweiten Februarwoche kam die 3. Sturmbrigade zu Hilfe, die als Elitetruppe gilt. Bis zur letzten Minute verlegte der neue Oberbefehlshaber der Armee noch Truppen in die Stadt, um die Russen aufzuhalten. Am 15. Februar erhielt Olehs Brigade dann den Befehl des Rückzugs. „Es wäre schön gewesen, wenn es früher passiert wäre“, so der Soldat. Die 3. Brigade erhielt den Rückzugsbefehl einen Tag später und am 17. Februar erklärte Moskau, Awdijiwka eingenommen zu haben. „Meiner Meinung nach hätte der Befehl zum Rückzug früher gegeben werden müssen“, hatte zuvor auch der 20-jährige Soldat Kawkaz der Washington Post gesagt. „Selbst fünf Stunden früher hätten einen Unterschied gemacht.“