Macron spricht von „Feiglingen“

„Wenn Putin hustet, sucht Scholz nach einem Bunker“ – Unverständnis in Frankreich wächst

  • Stephanie Munk
    VonStephanie Munk
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Die Allianz zwischen Deutschland und Frankreich strauchelt. Zu uneinig ist man sich über die Taktik gegen Putin im Ukraine-Krieg. Pistorius wehrte sich gegen Vorwürfe.

Berlin/Paris – Ein besonders gute Verhältnis wurde Bundeskanzler Olaf Scholz und seinem französischen Amtskollegen Emmanuel Macron noch nie nachgesagt. In jüngster Zeit treten aber immer tiefere Risse zutage. Zu groß sind die Differenzen, was den Ukraine-Krieg betrifft – und was man gegenüber Russland signalisieren will.

Frankreichs Präsident Macron setzt auf eine Strategie der Abschreckung gegenüber Russland. Das wurde vergangene Woche deutlich, als er mit dem Vorschlag vorpreschte, Nato-Bodentruppen zum Kampf gegen Russland in die Ukraine zu schicken. Für Olaf Scholz, der im Ukraine-Krieg trotz aller Unterstützung besonnen und abwägend auftritt, ein absolutes No-Go.

Der eine prescht vor, der andere zaudert: Emmanuel Macron (l.) und Olaf Scholz liegen beim Ukraine-Krieg teils weit auseinander.

Scholz zögert bei Taurus, Macron spricht von Bodentruppen im Ukraine-Krieg

Der deutsche Kanzler kann sich nicht einmal zu Taurus-Lieferungen durchringen – aus Sorge vor einer weiteren Eskalation des Krieges. Frankreich hat dagegen längst Marschflugkörper geliefert. Scholz Zögern wird dort als Kleinbeigeben vor Russlands aggressiv auftretenden Präsidenten Wladimir Putin gewertet: „Wenn Putin hustet, sucht Scholz sofort nach einem Bunker“, soll ein Berater Macrons laut einem Bericht der Berliner Morgenpost nach dem Taurus-Nein des deutschen Kanzlers gesagt haben.

Nicht nur Deutschland, auch viele andere Staaten erteilten den Gedankenspielen Macrons schnell eine Absage. Nato-Soldaten in der Ukraine einsetzen – das stehe nicht zur Debatte, hieß es von den allermeisten europäischen Staaten. Es sei wichtiger, Munition zu liefern. Doch Macron ließ sich davon nicht irritieren: Am Dienstag (5. Februar) bekräftigte er seine Überlegungen zu Bodentruppen noch einmal.

Macron warnt vor Defensive im Ukraine-Krieg – „Kein Feigling sein“

Bei einem Besuch in Prag warnte der Franzose vor einem allzu defensiven Blick auf den Ukraine-Krieg. „Wir nähern uns sicherlich einem Moment für Europa, in dem es notwendig sein wird, kein Feigling zu sein“, erklärte er kämpferisch. „Wenn wir jeden Tag erklären, was unsere Grenzen gegenüber jemandem sind, der gar keine hat und diesen Krieg angezettelt hat, kann ich Ihnen schon sagen, dass der Geist der Niederlage sich einschleift“, so Macron.

Das kann eindeutig als Seitenhieb auf Scholz gewertet werden, der im Ukraine-Krieg eine rote Linie nach der anderen zieht. Erst waren es die Panzer, zurzeit sind es Marschflugkörper mit großer Reichweite, so wie die deutschen Taurus-Raketen.

Macron verteidigte auch seine Aussage zu Bodentruppen von der Woche zuvor: „Ich glaube, es ist absolut notwendig, dass wir erklären, dass wir uns selbst keine Einschränkungen setzen werden.“ Er betonte aber auch, dass er keine Eskalation wünsche. Nach Macrons Äußerung zu westlichen Truppen in der Ukraine hatte die französische Regierung klargestellt, dass damit keine Kampfeinheiten für die Front gemeint seien.

Nato: Die wichtigsten Kampfeinsätze des Verteidigungsbündnisses

Seit ihrer Gründung am 4. April 1949 hat sich die Rolle des Nordatlantik-Pakts Nato stark verändert. Aus dem Bündnis, das  vorrangig der Verteidigung diente, wurde in den 1990ern eine global eingreifende Ordnungsmacht. Ihren ersten Kampfeinsatz leistete die Nato, deren Hauptquartier sich seit 1967 in Brüssel befindet, im Jahr 1995.
Ihren ersten Kampfeinsatz startete die Nato am 30. August 1995 mit der Operation „Deliberate Force“ gegen serbische Freischärler im ehemaligen Jugoslawien. Offiziell trat die Nato dabei nur als eine Art bewaffneter Arm der UN-Mission im Land auf. Beteiligt waren 5000 Soldaten aus 15 Ländern mit 400 Flugzeugen, darunter 222 Kampfflugzeugen. 54 dieser Maschinen, die rund um die Uhr von drei Flugzeugträgern und 18 Luftwaffenstützpunkten in Europa losflogen, waren F-16 Fighting Falcon (im Bild).
Bei der Operation kam es zum ersten Kampfeinsatz der deutschen Luftwaffe seit dem Zweiten Weltkrieg. 14 deutsche Tornado-Kampfflugzeuge flogen von Piacenza aus 65 Einsätze. 
Nach dem Abzug der schweren Waffen durch die Serben und einer Garantie für die verbliebenen Schutzzonen wurde die Luftoperation am 21. September 1995 beendet. Nato-Befehlshaber Leighton Smith (Mitte) und UN-Balkankommandant Bernard Janvier (rechts) konnten sich schon am Tag davor am Flughafen von Sarajevo als Sieger fühlen.
Die Nato-Streitkräfte waren auch im Kosovo-Krieg im Einsatz. Anlass für den Angriff der Nato im Rahmen der Operation „Allied Force“ war die Nichtunterzeichnung des Vertrags von Rambouillet durch den serbischen Präsidenten Slobodan Milošević (rechts, hier mit dem damaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer). Offizielles Hauptziel war, die Regierung Miloševićs zum Rückzug der Armee aus dem Kosovo zu zwingen.
Nato: Die wichtigsten Kampfeinsätze des Verteidigungsbündnisses

Pistorius weist Vorwürfe Macrons zur Ukraine zurück – „Keine Diskussion über Mut“

Der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) wies Macrons Äußerungen als „wenig hilfreich“ zurück. „Das hilft nicht wirklich dabei, die Probleme zu lösen, die wir dabei haben, die Ukraine so gut wie möglich zu unterstützen“, sagte er am Dienstag (5. Februar) bei einem Besuch in Schweden.

„Aus meiner Sicht brauchen wir keine Diskussionen über den Einsatz von Bodentruppen oder über mehr oder weniger Mut“, sagte er. Es gehe „darum, sich auf die relevantesten Herausforderungen zu konzentrieren“.  Dies sei der schnelle Nachschub von Munition für Artillerie und Luftabwehrsysteme.

Die deutsch-französischen Unstimmigkeiten dürften auch bei dem Treffen zwischen Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) und ihrem französischen Kollegen Stéphane Séjourné  in Paris eine Rolle gespielt haben. Baerbock schrieb nichtsdestotrotz im Anschluss an die Zusammenkunft auf dem Portal X (früher Twitter): „Geschlossen und entschlossen: Gemeinsam sind wir stark.“ (smu)

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