Kallas in Berlin

Antwort aus Estland zu Mützenichs Bundestagsrede: „Pazifismus wäre Selbstmord“

  • Christian Stör
    VonChristian Stör
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Die Bedrohung durch Russland ist laut Kaja Kallas real und ernst. Wie sollten Europa und die Nato reagieren? Estlands Regierungschefin hat eine Antwort parat.

Berlin – Kaja Kallas redete nicht lange um den heißen Brei herum. Bei ihrem Besuch in Berlin warf die estnische Ministerpräsidentin der russischen Regierung vor, die liberale Demokratie als ihren „größten Feind“ anzusehen. „Für den Kreml ist demokratische Regierungsführung in Europa eine Bedrohung, die er zu zerstören versucht“, sagte Kallas bei einer Konferenz der Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung, an der auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) teilnahm. Darum sei Wladimir Putin in die Ukraine einmarschiert, „und dafür kämpft die Ukraine heute – für uns alle“.

Estlands Ministerpräsidentin Kaja Kallas fand in Berlin klare Worte zu Russland und dem Ukraine-Krieg.

Kallas rief die Partner in Europa und der Nato dazu auf, mehr Geld für Verteidigung auszugeben. Estland investiere mehr als 3,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in die Verteidigung, die Partner sollten das Gleiche tun, denn ansonsten provoziere man Russland durch Schwäche. „Wenn sie glauben, dass sie gewinnen können, werden sie einen Schritt machen“, sagte Kallas. „Wenn sie verstehen, dass wir stark genug sind, werden sie den Schritt in Richtung Nato nicht wagen. Deshalb müssen wir diese gemeinsame Anstrengung wirklich gemeinsam unternehmen.“ Schon im Februar hatte Kallas bei einem Besuch in Hamburg eine Nato-Front gegen Russland gefordert.

In einer Welt voller Gewalt wären Pazifismus Selbstmord – ganz einfach ausgedrückt.

Kaja Kallas

Kallas reagiert auf Gedankenspiele von Mützenich, den Ukraine-Krieg einzufrieren

Es sei schwierig, der Bevölkerung zu erklären, dass man mehr in die Verteidigung investieren müsse, räumte Kallas ein. Womöglich habe man derzeit nicht wirklich das Gefühl, dass dies notwendig sei. „Aber wenn Sie das Gefühl haben, dass es notwendig ist, wird es zu spät sein. Das ist das Problem mit der Verteidigung.“ Auf eine Frage zu den Gedankenspielen von SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich, den Ukraine-Krieg einzufrieren, antwortete Kallas: „In einer Welt voller Gewalt wären Pazifismus Selbstmord – ganz einfach ausgedrückt.“

Bei einer Pressekonferenz sprach sich Kallas dann dafür aus, dass die Unterstützer Kiews sich dazu verpflichten sollten, 0,25 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts jährlich für Militärhilfe für die Ukraine auszugeben. Russland denke, länger durchhalten zu können, sagte sie. Wenn aber jeder aus der Ramstein-Kontaktgruppe mindestens die 0,25 Prozent des BIP als Militärhilfe für die Ukraine versprechen würde, „könnten wir Russland übertreffen“, sagte Kallas. Estland habe sich mindestens für die nächsten vier Jahre zu dieser Zusage verpflichtet. „Deshalb lade ich auch andere ein, dasselbe zu tun.“ Zudem plädierte sie dafür, dass die Nato-Verbündeten ihre eigene Verteidigung stärken und mehr als drei Prozent ihres BIPs dafür investieren. „Schwäche“ provoziere Russland, sagte Kallas.

Kreml wirft Kallas „komplette Russenfeindlichkeit“ vor

Die Beziehungen zwischen den Ex-Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen zu Moskau sind seit der Unabhängigkeit der Baltenstaaten angespannt. Durch den russischen Einmarsch in der Ukraine wurde dies nochmals verstärkt. Alle drei Länder haben bereits russische Diplomaten wegen des Ukraine-Konfliktes ausgewiesen. Zuletzt wies Estland wegen mutmaßlicher Einmischung in innere Angelegenheiten einen russischen Diplomaten aus, wie der estnische Außenminister Margus Tsahkna mitteilte.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Kallas steht in Estland seit 2021 an der Spitze der Regierung. Moskau hatte vor einem Jahr bereits die diplomatischen Beziehungen zu Tallinn heruntergefahren und seinen Botschafter zurückberufen. In diesem Zusammenhang warf der Kreml Estland „komplette Russenfeindlichkeit“ vor. Wegen ihrer angeblichen Beteiligung an der Zerstörung von Kriegsdenkmälern aus der Sowjetzeit schrieb Russland Kallas im Februar 2024 sogar zur Fahndung aus. (cs/dpa/afp)

Rubriklistenbild: © Bernd von Jutrczenka/dpa

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