Vor US-Wahl

Barack Obama als Strippenzieher? Darum schweigt er zu Kamala Harris als Biden-Nachfolgerin

  • Stephanie Munk
    VonStephanie Munk
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Kamala Harris sichert sich kurz nach dem Rückzug von Biden die Unterstützung prominenter Demokraten. Obama aber schweigt. Dahinter steckt wohl Kalkül.

Washington, D.C. – Ein einfaches Statement auf X hat über Nacht die politischen Verhältnisse vor der US-Wahl auf den Kopf gestellt: US-Präsident Joe Biden hat sich dem Druck gebeugt und seinen Rücktritt als Präsidentschaftskandidat der Demokraten bekannt gegeben. Ex-Präsident Donald Trump wird nun bei der US-Wahl gegen einen anderen Kandidaten ins Feld ziehen.

Wer ist die Alternative zu Biden? Bisher sieht alles danach aus, als ob Vize-Präsidentin Kamala Harris von nun an als Kandidatin den Wahlkampf der Demokraten bestreiten wird.

Kamala Harris ist die Wunsch-Nachfolge-Kandidatin von Joe Biden und erklärte schon wenige Stunden nach Bidens Rückzug, sie sei bereit, als Kandidatin gegen Trump anzutreten. Auch prominente Demokraten sicherten ihr sofort Unterstützung zu. Ein Vertreter ersten Ranges in der Partei hält sich jedoch auffallend zurück: Ex-Präsident Barack Obama sprach Kamala Harris bisher nicht seine Unterstützung für die Kandidatur aus.

Ex-Präsident Barack Obama hat nach dem Rücktritt von Biden als Präsidentschafts-Kandidat noch keine Empfehlung für Kamala Harris als Nachfolgerin ausgesprochen.

Obama hält sich bei Kamala Harris nach Rückzug von Joe Biden zurück

Barack Obama, ehemaliger US-Präsident, würdigte die Entscheidung von Biden, bei der US-Wahl nicht mehr anzutreten, stellte sich aber nicht öffentlich hinter Harris. Obama schrieb stattdessen in seinem Beitrag, den Medium veröffentlichte, er habe „außerordentliches Vertrauen, dass die Anführer unserer Partei in der Lage sein werden, einen Prozess zu schaffen, aus dem ein herausragender Kandidat hervorgeht.“

Es kann davon ausgegangen werden, dass Barack Obama nicht versehentlich vergaß, Kamala Harris seine Unterstützung als neue Kandidatin der Demokraten auszusprechen. Es dürfte ein bewusster Schritt sein, dass er die 59-Jährige nicht erwähnte.

Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern

Joe Biden gehört seit vielen Jahren zum Establishment der Demokratischen Partei und blickt auf eine lange politische Karriere zurück. Bei der US-Wahl 2020 ist es ihm im dritten Anlauf endlich gelungen, sein großes Ziel zu erreichen: Biden ist zum 46. Präsidenten der USA gewählt worden. Es war die Krönung eines jahrzehntelangen Politikerlebens, in dem er auch schwere Schicksalsschläge zu verkraften hatte.
Joseph „Joe“ Robinette Biden, Jr. wurde am 20. November 1942 in Scranton (Pennsylvania) geboren. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften begann der Jurist Ende der 60er-Jahre, sich politisch zu engagieren. Zunächst ließ er sich im US-Bundesstaat Delaware als Unabhängiger registrieren – weil er weder den republikanischen Präsidenten Richard Nixon noch den demokratischen Gouverneur Charles Terry ausstehen konnte. Um die Lage nach der Ermordung von Martin Luther King im April 1968 zu beruhigen, hatte Terry die Nationalgrade zu Hilfe gerufen. Für Biden wurde die Bürgerrechtsbewegung zum Auslöser seiner Politisierung.
Im Jahr 1972 trat Biden im Alter von nur 29 Jahren bei der Wahl zum US-Senat an. Er besiegte den langjährigen republikanischen Vertreter Cale Boggs und zog als einer der jüngsten Senatoren in den Kongress ein. Der Triumph wurde allerdings von einem schweren Autounfall am 18. Dezember 1972 überschattet, bei dem seine erste Ehefrau Neilia und Tochter Naomi ums Leben kamen. Die Söhne Beau und Hunter überlebten verletzt. Seinen Eid legte Biden im Januar 1973 am Krankenbett von Beau ab, dessen Bein immer noch im Streckverband war. 1977 heiratete Biden die Lehrerin Jill Tracy Jacobs. Aus dieser Ehe stammt Tochter Ashley.
Von 1973 bis 2009 saß Biden 36 Jahre lang als Vertreter des Bundesstaates Delaware im Senat. Er wohnte allerdings weiterhin in Wilmington (Delaware) und pendelte jeden Tag per Bahn nach Washington, D.C. 1994 war er maßgeblich an einem heute kontrovers diskutierten Gesetz zur Reform des Strafrechts und der Inneren Sicherheit beteiligt. Mitte der 90er sprach er sich für die Nato-Intervention in Bosnien-Herzegowina und die Bombardierung Serbiens im Kosovo-Krieg 1999 aus. Im Jahr 2002 stimmte er für die Irak-Resolution.
Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern

Obama äußert sich nicht zu Harris nach Biden-Rücktritt – Insider nennen mehrere Gründe

Was aber steckt dahinter? Kann das Nicht-Erwähnen von Kamala Harris durch Obama als Brüskierung gewertet werden, wie es die gegnerischen Republikaner als eine ihrer Reaktionen auf den Biden-Rückzug sogleich unterstellten? Oder hat Barack Obama eine Alternative zu Harris als Biden-Nachfolger im Sinn?

Beide Vermutungen treffen nicht zu – zumindest laut einem Bericht der New York Times, der auf Äußerungen mehrerer Quellen aus dem Umfeld von Barack Obama basiert. Obama wolle sich vorerst schlicht zurückhalten. Der als vorsichtig geltende Ex-Präsident wolle nicht den Eindruck erwecken, die Nominierung von Harris sei so etwas wie eine Ad-hoc-Krönung, anstatt dass der bestmögliche Konsens in der demokratischen Partei gefunden werde.

Obama sehe sich nicht als jemand, der vorschnell Kandidaten ausruft, sondern als jemand, der die Partei der Demokraten einen wolle, sagte ein Vertrauter zur New York Times.

Obama würdigt Biden als US-Präsident – er sieht jetzt nicht die Stunde von Kamala Harris

Noch einen anderen Grund nennen die anonymen Quellen für Obamas Zurückhaltung gegenüber Harris: Obama habe gewollt, dass der Tag, an dem Biden seinen Rücktritt als Kandidat gegen Trump bekannt gab, allein dessen Tag bleibe. Deshalb habe er in seinem Statement ausschließlich Biden gewürdigt, anstatt sogleich schon einen möglichen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu nennen.

Hintergrund von Obamas vorsichtigem Agieren sei laut dem Bericht auch, dass das Verhältnis von Biden und Obama schon länger angespannt sei. Zum einen, weil nach dem vergeigten TV-Duell gegen Trump auch Barack Obama einer derjenigen war, die Biden den Rückzug aus dem US-Wahlkampf nahelegten. Zum anderen, weil Biden es Obama nie ganz verziehen haben soll, dass er bei den US-Wahlen 2016 stillschweigend Hillary Clinton unterstützt habe.

Obama habe daher beschlossen, dass in den verbleibenden dreieinhalb Monaten bis zur US-Wahl noch genügend Zeit bleibe, Kamala Harris die Unterstützung auszusprechen.

Auch Michelle Obama wurde als mögliche Präsidentin und Biden-Nachfolgerin gehandelt

Ein anderer möglichen Faktor für Obamas Zurückhaltung kommt in der Analyse der New York Times zu Obama und Harris nicht zur Sprache: Die Tatsache, dass auch Obamas Ehefrau Michelle Obama als mögliche Präsidentschaftskandidatin der Demokraten gehandelt wurde.

Dass Obama einen Groll hegt, weil nun wohl Kamala Harris als erste schwarze Präsidentschafts-Kandidatin in den USA zum Zug kommt, wäre theoretisch möglich, praktisch aber abwegig: Schließlich bestritt Michelle Obama stets vehement, dass sie den Wunsch hege, die erste Präsidentin der USA zu werden.

Kamala Harris sichert sich schnell nach Biden-Rückzug Unterstützung der Demokraten

Anders als Obama haben sich andere führende Demokraten schnell für Harris als Biden-Nachfolgerin ausgesprochen. Kamala Harris habe sich bereits die Unterstützung aller 50 Parteivorsitzenden der Demokraten in den US-Bundesstaaten gesichert, berichtet der Nachrichtensender Ntv unter Berufung auf Insider-Kreise.

Binnen weniger Stunden liefen auch schon Wahlkampfspenden in Millionenhöhe für die derzeitige Vize-Präsidentin ein. Parteiinterne Konkurrenten um die Kandidatur wie Gavin Newsom haben sich währenddessen bereits aus dem Kampf um die Kandidatur zurückgezogen. (smu)

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