Ungleichgewicht
Rente in Deutschland: Missverhältnis wächst – „Erlegt Lasten nur noch einseitig auf“
VonPatrick Freiwahschließen
Der demografische Wandel stellt Deutschland vor eine Herausforderung. Die höhere Lebenserwartung strapaziert die Rentenkasse, Experten rufen nach Maßnahmen.
Berlin/München - Die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen ist in den vergangenen Jahrzehnten auch in Deutschland kontinuierlich gestiegen.
Wie die Deutsche Rentenversicherung (DRV) mitteilt, wuchs daher auch die Rentenbezugsdauer seit 2003, im Durchschnitt um fast vier Jahre: Betrug die Zeit des Ruhestands bis zum Tod zum damaligen Zeitpunkt noch 16,8 Jahre, sei der durchschnittliche Rentenbezug im Jahr 2023 auf 20,5 Jahre angewachsen.
Rente in Deutschland: Menschen bekommen immer länger Altersbezüge
Eine der positiven Folgen: In Deutschland beziehen Rentnerinnen und Rentner ihre Altersbezüge statistisch gesehen immer länger. Das bestätigen Daten der DRV, welche zunächst vom Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) veröffentlicht wurden. Besonders stark gestiegen scheint die Bezugsdauer bei Männern: Sie erhöhte sich von 14,3 auf 18,8 Jahre, während sie bei Frauen generell höher ist (von 19,3 auf 22,1 Jahre).
Allerdings hat sich im Gegenzug auch das Renteneintrittsalter erhöht: Im Jahr 2003 lag es bei 62,9 Jahren, 20 Jahre später ist es auf 64,4 Jahren angewachsen. Das beruht auf gesetzliche Anhebungen der Altersgrenzen, dazu gab es Einschränkungen beim vorzeitigen Rentenbezug.
Deutsches Rentensystem: Wirtschaftsweiser kritisiert Unverhältnismäßigkeit
Allerdings sehen die Entwicklung manche Experten kritisch. Sie warnen vor einem wachsenden Missverhältnis, das für das Rentensystem eine immer größere Herausforderung darstellt: Denn obwohl der Renteneintritt der meisten Bundesbürger mittlerweile später erfolgt, müssen die gesetzlichen Rentenkassen länger Renten auszahlen. Konkret arbeiten Menschen in Deutschland im Schnitt also 1,5 Jahre länger, haben dafür aber 3,7 Jahre länger einen Anspruch auf Rente.
Der „Wirtschaftsweise“ Martin Werding beschäftigt sich mit den Problemen des demografischen Wandels für das deutsche Rentensystem und sieht dies auch mit dem anstehenden „Rentenpaket II“ nicht behoben. „Es erlegt die Lasten einseitig nur noch den jüngeren Versicherten auf“, sagte das Mitglied des Sachverständigenrats Wirtschaft kürzlich dem ZDF und sprach über einen „Prozess, der sich über 10, 15 Jahre immer stärker entfaltet“.
Experte über Renteneintrittsalter und Anspruch auf Rente mit 63
In einem Interview mit Welt spricht der 59-Jährige über eine Anpassung des bestehenden Verhältnisses: „(...)Es müsste zwei Drittel längeres Arbeiten und ein Drittel längere Rente sein, um die Effekte steigender Lebenserwartung für die Rentenfinanzen zu neutralisieren“, so Werding. Das tatsächliche Renteneintrittsalter müsste seiner Meinung nach also entsprechend angepasst werden.
Gegenüber der Funke Mediengruppe erläuterte der Professor derweil ein aus seiner Sicht geeignetes Instrument: Die Rente mit 63, die nur umgangssprachlich so genannt wird, könnte nur mehr Geringverdienern offenstehen: Immer mehr Personen in der Bundesrepublik würden dies in Anspruch nehmen, daher solle die Frühverrentung eingeschränkt werden. „Zum Beispiel könnte eine abschlagsfreie Frührente nur noch Versicherten offenstehen, die pro Beitragsjahr weniger als 60 Prozent des Durchschnittsentgelts aller Versicherten verdient haben“, so der 59-Jährige.
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Ein wichtiger Hebel zur Finanzierung könnte auch die Einbeziehung weiterer Personengruppen sein, wie Politiker und Beamte.
Rente in Deutschland: Beitragssatz länger nicht gestiegen - das ändert sich
Jedoch gibt es auch andere Ansichten: Uwe Hildebrandt, Vorsitzender der Bundesvertreterversammlung der Rentenversicherung, schildert gegenüber dem RND, dass es „keinen Grund zur Panik“ gebe. Der DRV-Funktionär sieht die Grundlage für eine weiterhin positive Entwicklung der Rente in einer stabilen wirtschaftlichen Lage und einem starken Arbeitsmarkt. Jedoch hakt es in diesen Bereichen gerade massiv.
Allerdings seien auch für ihn eine raschere Erhöhung des Renteneintrittsalters oder höhere Beitragssätze geeignete Mittel für Anpassungen des Rentensystems. DRV-Kollegin und Präsidentin Gundula Roßbach verweist gegenüber Welt.de auf den Beitragssatz von 18,6 Prozent, der in den vergangenen sieben Jahren nicht gestiegen ist.
Derweil will die Bundesregierung bis zum Jahr 2040 das Rentenniveau bei 48 Prozent halten. Der Gesetzentwurf (“Rentenpaket II“), wurde zwar kürzlich im Kabinett verabschiedet. Doch ob das auch im Bundestag geschieht, ist offenbar unklar. Ein Inhalt: Zwischen 2028 und 2035 soll der Beitragssatz auf über 22 Prozent steigen. Jedoch wollen FDP-Bundestagsabgeordnete der Reform offenbar nicht zustimmen. (PF)
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