Präsidentschaftskandidat der Demokraten

Biden-Interview nach Duell-Debakel macht Demokraten nervös: „Es gibt stärkere Optionen“

  • Nail Akkoyun
    VonNail Akkoyun
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Nach seinem peinlichen TV-Duell gegen Donald Trump plant Joe Biden ein Fernsehinterview. Dennoch fordern einige Demokraten seinen Rückzug – und suchen nach einer Alternative.

Washington, D.C. – US-Präsident Joe Biden wird am kommenden Freitag (5. Juli) sein erstes Fernsehinterview seit seinem Debakel im TV-Duell gegen Donald Trump geben. Dazu wird sich der 81-Jährige mit dem Sender ABC News zusammensetzen. Führen wird das Interview der Journalist und frühere Kommunikationsdirektor des Weißen Hauses unter Bill Clinton, George Stephanopoulos.

ABC News zufolge wird „ein erster Teil des Interviews“ am Freitag in der Abendsendung „World News Tonight with David Muir“ ausgestrahlt, weitere Teile sollen am Wochenende bei „Good Morning America“ gezeigt werden. Damit steht fest, dass das Gespräch vorab aufgezeichnet und nicht live ausgestrahlt wird – für kritische Stimmen und das Lager von Donald Trump ein gefundenes Fressen.

Alternative für Joe Biden gesucht: Mehrere Demokraten fordern Rückzug nach TV-Duell

Stellen sich die Demokraten größtenteils weiter hinten Biden, fordern einige Parteimitglieder hingegen den Rückzug des Amtsträgers. Biden müsse die „schmerzhafte und schwierige Entscheidung treffen, sich zurückzuziehen“, heißt es in einer Erklärung von Lloyd Doggett, texanischer Abgeordneter im Repräsentantenhaus. Doggett verwies auf die schwachen Umfragewerte, er habe „gehofft, dass die Debatte einige Impulse geben würde, um das zu ändern. Das hat sie aber nicht“, zitiert die Texas Tribune aus der Erklärung. Es sei dem Präsidenten nicht gelungen, „seine zahlreichen Errungenschaften wirksam zu verteidigen und Trumps zahlreiche Lügen zu entlarven“.

US-Präsident Joe Biden begrüßt am 2. Juli Mitarbeitende der Katastrophenschutzzentrale in Washington, D.C.

Auch Julián Castro, der bei den Vorwahlen der Demokraten 2020 gegen Biden antrat, kritisierte dessen Auftritt beim TV-Duell und pflichtete Doggett bei. „Ich glaube, dass es für die Demokraten stärkere Optionen gibt. Wir haben eine Reihe von Leuten, die einen besseren Job machen könnten, einschließlich Vizepräsidentin Harris“, sagte Castro am Dienstag dem Sender MSNBC, nachdem Doggett seinen Aufruf veröffentlicht hatte. „Es ist zu riskant, Donald Trump im November zu übergeben“, so Castro.

Ebenfalls gegenüber MSNBC ergriff die frühere Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, das Wort. Joe Biden habe „einen schlechten Abend“ gehabt, doch „er hat Urteilsvermögen. Er verfügt über strategisches Denken und all das“, sagte Pelosi, ehe sie betonte, dass das Alter „relativ“ sei. Für die 84-Jährige sei der Präsident quasi „ein Kind“. Von einem „schlechten Abend“ sprach auch der demokratische Senator Bob Casey aus Pennsylvania, als er von der Associated Press auf die Debatte angesprochen wurde.

Biden gibt Auslandsreisen Schuld an schwachem TV-Duell: „Bin fast eingeschlafen“

Biden selbst hat seinen schwachen Auftritt im TV-Duell gegen Herausforderer Trump mit den Folgen anstrengender Auslandsreisen begründet. Bei einem Wahlkampfauftritt im US-Bundesstaat Virginia sagte Biden am Dienstagabend laut mitreisenden Journalistinnen und Journalisten, er sei kurz vor der TV-Debatte faktisch mehrmals um die Welt gereist, was „nicht sehr klug“ gewesen sei. Er habe nicht auf seine Mitarbeiter gehört – „und dann bin ich auf der Bühne fast eingeschlafen“. Das sei zwar keine Entschuldigung, aber eine Erklärung, meinte der 81-Jährige, der von Trump seit Jahren „Sleepy Joe“ genannt wird.

Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern

Joe Biden gehört seit vielen Jahren zum Establishment der Demokratischen Partei und blickt auf eine lange politische Karriere zurück. Bei der US-Wahl 2020 ist es ihm im dritten Anlauf endlich gelungen, sein großes Ziel zu erreichen: Biden ist zum 46. Präsidenten der USA gewählt worden. Es war die Krönung eines jahrzehntelangen Politikerlebens, in dem er auch schwere Schicksalsschläge zu verkraften hatte.
Joseph „Joe“ Robinette Biden, Jr. wurde am 20. November 1942 in Scranton (Pennsylvania) geboren. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften begann der Jurist Ende der 60er-Jahre, sich politisch zu engagieren. Zunächst ließ er sich im US-Bundesstaat Delaware als Unabhängiger registrieren – weil er weder den republikanischen Präsidenten Richard Nixon noch den demokratischen Gouverneur Charles Terry ausstehen konnte. Um die Lage nach der Ermordung von Martin Luther King im April 1968 zu beruhigen, hatte Terry die Nationalgrade zu Hilfe gerufen. Für Biden wurde die Bürgerrechtsbewegung zum Auslöser seiner Politisierung.
Im Jahr 1972 trat Biden im Alter von nur 29 Jahren bei der Wahl zum US-Senat an. Er besiegte den langjährigen republikanischen Vertreter Cale Boggs und zog als einer der jüngsten Senatoren in den Kongress ein. Der Triumph wurde allerdings von einem schweren Autounfall am 18. Dezember 1972 überschattet, bei dem seine erste Ehefrau Neilia und Tochter Naomi ums Leben kamen. Die Söhne Beau und Hunter überlebten verletzt. Seinen Eid legte Biden im Januar 1973 am Krankenbett von Beau ab, dessen Bein immer noch im Streckverband war. 1977 heiratete Biden die Lehrerin Jill Tracy Jacobs. Aus dieser Ehe stammt Tochter Ashley.
Von 1973 bis 2009 saß Biden 36 Jahre lang als Vertreter des Bundesstaates Delaware im Senat. Er wohnte allerdings weiterhin in Wilmington (Delaware) und pendelte jeden Tag per Bahn nach Washington, D.C. 1994 war er maßgeblich an einem heute kontrovers diskutierten Gesetz zur Reform des Strafrechts und der Inneren Sicherheit beteiligt. Mitte der 90er sprach er sich für die Nato-Intervention in Bosnien-Herzegowina und die Bombardierung Serbiens im Kosovo-Krieg 1999 aus. Im Jahr 2002 stimmte er für die Irak-Resolution.
Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern

In Bidens Terminkalender standen im vergangenen Monat tatsächlich zwei große Auslandsreisen. Zuerst war er Anfang Juni bei einer Gedenkveranstaltung zur Landung der Alliierten in der Normandie in Frankreich. Direkt im Anschluss absolvierte Biden einen Staatsbesuch in Paris, bei dem ihn Frankreichs Präsident Emmanuel Macron mit großem Programm empfing. Dann flog er zurück in die USA – um nur wenige Tage später, Mitte Juni, wieder nach Italien zum G7-Gipfel zu reisen. Von dort aus ging es wiederum über neun Zeitzonen zurück an die US-Westküste, wo er in Los Angeles an einer exklusiven Spendengala für seinen Wahlkampf teilnahm.

Auch das Weiße Haus bemühte sich, Zweifel an Bidens Eignung für das Amt zu zerstreuen und seinen verpatzten Auftritt im Fernsehen so gut es geht vergessen zu machen. Der Präsident habe eben einen schlechten Abend gehabt, betonte die Sprecherin des Weißen Hauses, Karine Jean-Pierre, bei einer Pressekonferenz. „Wir werden ein neues Kapitel aufschlagen“, sagte sie. Biden werde die Menschen in den USA bei Ortsterminen selbst von seinen Qualitäten überzeugen. 

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Trump attackiert Biden vor US-Wahl 2024 auf Truth Social: „Wahl zwischen Stärke oder Schwäche“

In den Augen von Donald Trump sind das aber nur Ausreden. Auf seinem sozialen Netzwerk Truth Social teilte er in den vergangenen Tagen fleißig Memes, die Biden vor der US-Wahl 2024 als geistig verwirrt oder gar scheintot zeigen. Ebenso teilte Trump Fotomontagen, die ihn in triumphierender Pose zeigen, wie etwa als Rocky Balboa, eingebettet in der US-amerikanischen Flagge.

„Dieser vergangene Donnerstagabend war eine Niederlage nicht nur für Biden, sondern für die gesamte linksradikale Demokratische Partei und die Fake-News-Medien, die das amerikanische Volk belogen haben, während unser Land zerstört wurde“, schrieb Trump. In einem anderen Beitrag betonte Trump, dass „jeder Amerikaner aus erster Hand gesehen hat“, dass die anstehende US-Wahl „eine Wahl zwischen STÄRKE oder SCHWÄCHE, KOMPETENZ oder INKOMPETENZ (sic)“ sei.

Der Druck auf die Demokraten wächst – auch ohne die Kommentare Trumps. Noch könnte die Partei ihren Präsidentschaftskandidaten auswechseln, doch diese Initiative müsste Joe Biden als Präsident selbst ergreifen. Aktuell sieht es allerdings nicht so aus, als ob der Amtsträger und sein Team diesen massiven Schritt wagen, doch die Zeit läuft ihnen davon. Biden muss in den kommenden vier Monaten das Blatt wieder zu seinen Gunsten wenden; zahlreiche Umfragen sehen Trump inzwischen deutlich vorn. (nak)

Rubriklistenbild: © Bonnie Cash/Imago