Tiefe Gräben in Ampel-Koalition

Internes Papier zeigt: FDP drängt Scholz‘ SPD in Ukraine-Politik in die Ecke – „Putin unterschätzt“

  • Stephanie Munk
    VonStephanie Munk
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Ein internes FDP-Schreiben zeigt: Bei der Ukraine-Politik hat die Ampel höchst konträre Positionen. Scholz scheint bestimmte Reizwörter vermeiden zu wollen.

Berlin – Dass die Gräben zwischen den Ampel-Parteien FDP, SPD und Grüne tief sind, ist bekannt – wie tief, das zeigt jetzt ein internes Papier der FDP. Diesmal geht es nicht um kontroverse innenpolitische Themen wie Wirtschaftspolitik oder Migration, sondern um den Ukraine-Krieg – und die Frage, wie forsch man gegenüber Russlands Machthaber Wladimir Putin auftritt.

Das FDP-Papier, das offenbar der Bild zugespielt wurde, listet einen Konfliktpunkt zur Ukraine-Politik nach dem anderen auf. Konkret geht es in dem internen Schreiben um einen gemeinsamen Antrag der Ampel-Fraktionen zur Unterstützung der Ukraine, über den diese Woche der Bundestag abstimmen soll. Das FDP-Papier zeigt, dass bei der Formulierung des Antragstextes speziell die Kanzlerpartei SPD und die FDP teils meilenweit auseinanderlagen. Bemerkenswert: In den meisten Punkten hat sich offenbar der kleinste Koalitionspartner FDP durchgesetzt.

Olaf Scholz am 20. Februar 2024 vor einer SPD-Fraktionssitzung in Berlin.

Ampel-Antrag zur Ukraine: SPD wollte offenbar keine Kritik an Russland-Politik zulassen

Einer der Konfliktpunkte der Ampel-Parteien war demnach: Darf im gemeinsamen Antrag die Russland-Politik der vergangenen Jahren und Jahrzehnten kritisiert werden, Stichwort: Kuschelkurs gegenüber Putin? Die FDP schreibt dazu laut Bild, dass die SPD „keinerlei Kritik“ am deutschen „Unterstützungsverhalten“ zulassen wollte „ebenso wenig wie Fehlverhalten einräumen im Nachgang zur Krim-Annexion vor 10 Jahren“.

Mit anderen Worten: Scholz‘ SPD wollte es nicht schwarz auf weiß haben, dass Putin immer noch massiv unterschätzt worden war, nachdem er 2014 völkerrechtswidrig die ukrainische Halbinsel Krim überfallen hatte. Damals regierte eine Große Koalition aus Union und SPD unter Angela Merkel. Genauso wenig wollte die SPD offenbar das Ziel im Antrag stehen haben, dass die Ukraine die Krim von der russischen Besatzung befreit: „SPD wollte nicht explizit die Befreiung der Krim nennen“, heißt es laut Bild im internen FDP-Schreiben.

Bei beiden Themen hat sie die FDP offenbar durchgesetzt. Im Antragsentwurf heißt es nun: „Der Putinsche Imperialismus wurde jahrelang unterschätzt. Es war ein Fehler, dass sich Deutschland nicht ausreichend von Putins Regime distanziert hat.“ Und: Es gelte, die Ukraine zu befähigen, „die besetzten Gebiete einschließlich der Krim zu befreien“.

Muss die Ukraine den Krieg gewinnen? Scholz-Zaudern ist wieder Konfliktpunkt

Nächste Differenz: Die FDP wirft der SPD vor, sie habe sich geweigert, „in irgendeiner Form davon zu sprechen“, dass die Ukraine den Krieg gegen Russland „gewinnen“ müsse. Zur Erinnerung: Kanzler Scholz vermeidet seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs weitgehend, explizit von einem Sieg der Ukraine zu sprechen. Stattdessen betont er stets, Russland dürfe den Krieg nicht gewinnen und die Ukraine dürfe ihn nicht verlieren.

Obwohl das wie Wortklauberei klingt, legt Scholz darauf offenbar immer noch großen Wert – womöglich auch aus gutem Grund. Doch diesmal behielten offenbar die Liberalen die Oberhand: „Für den Frieden in Europa und darüber hinaus ist es essenziell, dass die Ukraine diesen Verteidigungskampf gewinn“, heißt es jetzt im Antrag.

Weiterer Vorwurf der FDP: Die SPD habe nicht zulassen wollen, dass in dem Antrag explizit steht, „dass nur eine militärische Lösung zur vollständigen Wiederherstellung der territorialen Integrität und Souveränität führen kann“. Auch hier saßen dann aber wohl die Grünen und die FDP am längeren Hebel. Im Antrag steht: „Nur die militärische Selbstbehauptung der Ukraine wird Russland dazu bringen, seine völkerrechtswidrige Aggression zu beenden.“

Taurus-Lieferungen an Ukraine: Scholz‘ schwammige Aussagen setzten sich durch

In einem Punkt bleibt der gemeinsame Antrag der Ampel-Fraktionen zur Ukraine allerdings so schwammig wie offenbar von Scholz‘ SPD gewünscht: hinsichtlich der Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern an die Ukraine. Das Wort „Taurus“ fällt in dem Antrag nicht - das hat wohl die SPD unter Kanzler Scholz erfolgreich verhindert. Stattdessen ist in dem Ampel-Antrag von „weitreichenden Waffensystemen“ für die Ukraine die Rede. Dass damit implizit Taurus-Marschflugkörper gemeint sind, ist wohl jedem klar – wie auch der Grünen-Abgeordnete Anton Hofreiter dem Spiegel bestätigte.

Dass das Wort dennoch nicht fallen soll, machte die FDP-Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann so sauer, dass sie nun im Bundestag gemeinsam mit der Union für deren Antrag zu Taurus-Lieferung an die Ukraine stimmen will. „Es fehlt für mich ein Wort zur absoluten Richtigkeit: Taurus. Deshalb votiere ich auch für den Antrag der Union in dieser Woche“, sagte sie am Mittwoch (21. Februar) im Interview mit dem Münchner Merkur.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Scholz weigert sich, Taurus an Ukraine zu liefern – FDP findet das „unfassbar“

Scholz weigert sich seit Monaten, die von der Ukraine so heiß ersehnten Taurus-Raketen zu liefern – unter anderem mit der Begründung, Deutschland müsse der Ukraine dafür auch Geo-Daten zur Verfügung stellen. Ein Argument, das die CDU als Ausrede abtut – und auch FDP-Politikerin Strack-Zimmermann hatte bereits im Oktober 2023 erklärt, das Verhalten des Kanzlers hinsichtlich der Taurus-Lieferungen sei „unfassbar“. „Trotz gehört in den Kindergarten, nicht ins Kanzleramt“, schrieb sie damals auf X (vormals Twitter).

Ob die Regierung die Lieferung der Taurus-Marschflugkörper beschließt, wird sich womöglich noch diese Woche herausstellen. Der Grünen-Politiker Hofreiter formulierte seine Erwartung im Spiegel ganz klar: „Die Konsequenz dieses Antrags kann nur sein, dass er den Taurus freigibt.“ Kanada rang sich ebenfalls zu neuen Waffenlieferungen durch: Das Land stellt der Ukraine 800 hochmoderne Drohnen zur Verfügung. (smu)

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