Unzufriedenheit unter Demokraten

Israel-Krieg bereitet Biden Kopfschmerzen – Umfrage liefert Alarmsignale

  • Anna Laura Müller
    VonAnna Laura Müller
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Immer mehr Demokraten sind unzufrieden mit dem Kurs des US-Präsidenten im Konflikt zwischen Israel und der Hamas. Das könnte sich auf die US-Wahl auswirken.

Washington - Die US-Präsidentschaftswahl 2024 rückt näher – damit richtet sich der Blick auch auf Umfragewerte zur Beliebtheit des demokratischen Präsidenten Joe Biden, der eine Wiederwahl anstrebt. Auch das Weltgeschehen beeinflusst die Stimmung: Der Nahost-Konflikt und Bidens Umgang mit der Krise, waren zuletzt Gegenstand einer Umfrage. Das brisante Ergebnis: Etwa die Hälfte der Demokraten sind unzufrieden mit dem Kurs des US-Präsidenten im Krieg in Israel.

Umfrage aus den USA: Demokraten zunehmend unzufrieden mit Bidens Umgang im Nahost-Konflikt

Bei einer Umfrage des NORC Center for Public Affairs Research der Nachrichtenagentur Associated Press wurden 1239 erwachsene US-Amerikaner:innen nach ihrer Zustimmung für Joe Bidens Umgang im „Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern“ befragt. Dabei stimmten 50 Prozent der Demokraten Bidens Position zu, 46 Prozent sprachen sich dagegen aus. Insgesamt sehen laut der Umfrage parteiübergreifend 63 Prozent der Befragten Bidens Vorgehen im Nahost-Konflikt kritisch.

Wenn es um die Rolle der USA in der Weltpolitik geht, hat sich das Stimmungsbild laut der Umfrage vor allem bei den Demokraten merklich verändert. 35 Prozent von ihnen wünschen sich eher eine weniger aktive Rolle der USA auf globaler Ebene. Im September 2023 und vor dem Angriff der Hamas auf Israel waren es nur 15 Prozent. Unter den befragten Republikanern äußerten 54 Prozent den Wunsch nach Zurückhaltung bei globalen Konflikten. Im September waren es noch 55 Prozent - in ihren Reihen ist also kaum eine Veränderung abzulesen.

Biden forderte Feuerpausen im Israel-Krieg

Biden sicherte nach der Attacke der Hamas vom 7. Oktober zunächst Israel die ungebrochene Unterstützung der Vereinigten Staaten zu. Zuletzt wies er häufiger auf die humanitäre Situation in Gaza hin. Zwar erklärte der Präsident, er sehe derzeit keine Aussichten auf eine längere Waffenruhe im Gazastreifen. Die täglichen Feuerpausen, denen Israel zugestimmt hat, sehe er aber als einen „Schritt in die richtige Richtung“.

Joe Biden verliert laut Umfrage Zustimmung unter Demokraten für seine Position im Konflikt zwischen Israel und der Hamas.

Aus der eigenen Partei kommen derweil auch Stimmen, die ein deutlicheres Umdenken Bidens im Nahost-Konflikt fordern. Der Demokrat Mark Warner, Senator für den Bundesstaat Virginia, sagte dazu im Interview mit dem US-amerikanischen Nachrichtensender CBS News, er sehe Potenzial, dass eine Spaltung der Demokraten bei diesem Thema dem Präsidenten bei der Mission Wiederwahl schaden könnte. Besonders in Staaten wie Michigan, in denen Biden bei der Wahl 2020 nur knapp die Mehrheit gewann, könnte der Israel-Krieg durchaus Auswirkungen auf den Wahlausgang haben.

Michigan könnte für Biden bei Präsidentschaftswahl wichtig werden

Das Besondere an Michigan: Der Bundesstaat im Mittleren Westen der USA hat einen der größten Bevölkerungsanteile muslimischer US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner. Seit Januar 2019 vertritt dort Rashida Tlaib den 13. Distrikt des Bundesstaats im US-Repräsentantenhaus. Sie ist das einzige palästinensisch-amerikanische Mitglied des Kongresses und hat Joe Biden schon in der Vergangenheit mehrmals offen für seine Positionen im Nahost-Konflikt kritisiert.

Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern

Joe Biden gehört seit vielen Jahren zum Establishment der Demokratischen Partei und blickt auf eine lange politische Karriere zurück. Bei der US-Wahl 2020 ist es ihm im dritten Anlauf endlich gelungen, sein großes Ziel zu erreichen: Biden ist zum 46. Präsidenten der USA gewählt worden. Es war die Krönung eines jahrzehntelangen Politikerlebens, in dem er auch schwere Schicksalsschläge zu verkraften hatte.
Joseph „Joe“ Robinette Biden, Jr. wurde am 20. November 1942 in Scranton (Pennsylvania) geboren. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften begann der Jurist Ende der 60er-Jahre, sich politisch zu engagieren. Zunächst ließ er sich im US-Bundesstaat Delaware als Unabhängiger registrieren – weil er weder den republikanischen Präsidenten Richard Nixon noch den demokratischen Gouverneur Charles Terry ausstehen konnte. Um die Lage nach der Ermordung von Martin Luther King im April 1968 zu beruhigen, hatte Terry die Nationalgrade zu Hilfe gerufen. Für Biden wurde die Bürgerrechtsbewegung zum Auslöser seiner Politisierung.
Im Jahr 1972 trat Biden im Alter von nur 29 Jahren bei der Wahl zum US-Senat an. Er besiegte den langjährigen republikanischen Vertreter Cale Boggs und zog als einer der jüngsten Senatoren in den Kongress ein. Der Triumph wurde allerdings von einem schweren Autounfall am 18. Dezember 1972 überschattet, bei dem seine erste Ehefrau Neilia und Tochter Naomi ums Leben kamen. Die Söhne Beau und Hunter überlebten verletzt. Seinen Eid legte Biden im Januar 1973 am Krankenbett von Beau ab, dessen Bein immer noch im Streckverband war. 1977 heiratete Biden die Lehrerin Jill Tracy Jacobs. Aus dieser Ehe stammt Tochter Ashley.
Von 1973 bis 2009 saß Biden 36 Jahre lang als Vertreter des Bundesstaates Delaware im Senat. Er wohnte allerdings weiterhin in Wilmington (Delaware) und pendelte jeden Tag per Bahn nach Washington, D.C. 1994 war er maßgeblich an einem heute kontrovers diskutierten Gesetz zur Reform des Strafrechts und der Inneren Sicherheit beteiligt. Mitte der 90er sprach er sich für die Nato-Intervention in Bosnien-Herzegowina und die Bombardierung Serbiens im Kosovo-Krieg 1999 aus. Im Jahr 2002 stimmte er für die Irak-Resolution.
Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern

Zuletzt erhielt Tlaib wegen einer ihrer Äußerungen zum Krieg zwischen Israel und der radikalislamischen Hamas im US-Repräsentantenhaus eine Rüge. In einem Video, das sie über Online-Netzwerke verbreitete, hatte sie dem US-Präsidenten vorgeworfen, er unterstütze einen „Genozid“ an den Palästinenserinnen und Palästinensern.

Israel und die US-Wahl: Zustimmung für Joe Biden sinkt unter junger Wählerschaft

Ein weiterer Knackpunkt könnte sein, dass Tlaib als Teil der informellen Gruppe „The Squad“ durchaus Einfluss vor allem auf jüngere und migrantische Wählerinnen und Wähler ausübt - gerade über soziale Netzwerke. Der Begriff für die Gruppe rund um die Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez entstand bei der Wahl zum Repräsentantenhaus 2018. Die Mitglieder gelten als Teil des progressiv-linken Flügels der Demokraten und repräsentieren insbesondere die jüngere Generation und die bis dahin nicht oder kaum vertretenen Minderheiten im Kongress.

Joe Biden hatte zuletzt gezielt versucht, jüngere Wählerinnen und Wähler und solche, die marginalisierten Gruppen angehören, für sich zu gewinnen. Er hatte den Klimawandel in den Blick genommen und sich für den Erlass von Studienkrediten eingesetzt. Doch genau diese junge Wählergruppe wendet sich laut der aktuellen Umfrage im Moment von ihm ab und ist unzufrieden mit seinem Umgang im Konflikt zwischen Hamas und Israel.

Bereits Mitte Oktober hatte eine Gruppe linker demokratischer Abgeordneter des US-Repräsentantenhauses von Biden gefordert, gegenüber Israels Regierung für eine sofortige Deeskalation und einen Waffenstillstand in Gaza einzutreten. (alm)

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