Umfrage offenbart

Fischen am rechten Rand? Wagenknecht-Partei lockt kaum AfD-Anhänger – aber Linke muss zittern

  • Alexandra Heidsiek
    VonAlexandra Heidsiek
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Doch kein Hufeisen: Sahra Wagenknechts neue Partei kommt nach neuesten Umfragen auf gerade einmal vier Prozent. Ehemalige AfD-Wähler sind kaum dabei.

Berlin – Mit ihrer Forderung nach einer Volksabstimmung zur Rente buhlt Sahra Wagenknecht zusammen mit ihrem neuen Bündnis aktuell um die Gunst der Wählerinnen und Wähler. Doch trotz der markigen Schlagzeilen verfängt die Stimmung noch nicht so richtig. Denn nach einem ersten Höhenflug rutscht ihre nach sich selbst benannte Partei jetzt wieder unter die Fünf-Prozent-Hürde. Das geht aus dem neuesten RTL/ntv-Trendbarometer hervor. Die von Forsa durchgeführte Umfrage hat neben der allgemeinen Zustimmung zur Partei erstmals auch die Sozialstruktur der Wählerschaft analysiert – und das Ergebnis lässt aufhorchen.

Wenn die Wagenknecht-Partei auf rechten Stimmenfang gehen wollte, hat sie versagt

In den Medien wurde dem BSW immer ein hohes Wählerpotenzial, insbesondere bei AfD-Wählern zugesprochen. Nicht von ungefähr: Denn im Programm für die EU-Wahl setzt sich die Wagenknecht-Partei für Friedensverhandlungen mit Russland ein. Außerdem will sie die Kompetenzen der EU beschneiden, unter anderem bei der Klimapolitik. Zudem spricht sich Wagenknecht für eine strikte Migrationspolitik aus. Also ein klassisches Fischen am rechten Rand?

Parteivorsitzende Sahra Wagenknecht spricht während des Politischen Aschermittwochs bei der Veranstaltung der Partei Bündnis Sahra Wagenknecht.

Vielleicht, aber ohne Erfolg: Laut Forsa/Trendbarometer wählten nur fünf Prozent der aktuellen BSW-Anhänger bei der letzten Bundestagswahl die AfD. Stattdessen kommen die neuen Stimmen für die BSW zu mehr als der Hälfte aus dem linken Spektrum: von SPD- (26 Prozent), Linken- (21 Prozent) und Grünen-Wählern (10 Prozent). Wagenknechts neues Kernklientel besteht der Analyse zufolge aus linken ostdeutschen Rentnerinnen und Rentnern.

BSW splittet die Wählerbasis der linken Parteien

Auch beim sozialen Hintergrund gibt es signifikante Unterschiede zwischen BSW-Anhängern und den AfD-Zugewanderten. Zustimmung zur AfD kommt laut Trendbarometer zu mehr als Zweidritteln von Männern, beim BSW sind es exakt die Hälfte. BSW-Wähler haben eher studiert oder Abitur gemacht (61 Prozent gegenüber 41 Prozent), dafür ist der Anteil an Erwerbstätigen bei den Neustimmen für die AfD größer (63 Prozent gegenüber 44 Prozent). Die größte Diskrepanz findet sich bei der politischen Selbsteinschätzung: So schätzen sich 54 Prozent der Wagenknecht-Fans als links ein, 45 Prozent der AfD-Zuwanderer verordnen sich rechts.

Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ will die deutsche Politik prägen

Die Partei von Sahra Wagenknecht heißt wie sie. Das ist nur folgerichtig, denn der Name ist erst mal auch das Programm. Nach dem Eintritt in die DDR-Staatspartei SED 1989 war Wagenknecht über Jahrzehnte eines der bekanntesten Gesichter der Folgeparteien PDS und Die Linke. Die studierte Philosophin mit Doktortitel im Fach Wirtschaft ist ein gern gesehener Gast in den diversen Talkshows der TV-Sender. Nach jahrelangem Streit mit der Linken trat die Bestsellerautorin im Oktober 2023  aus und kündigte die Gründung einer eigenen Partei an.
Amira Mohamed Ali hat zusammen mit Sahra Wagenknecht den BSW-Vorsitz inne. Die Rechtsanwältin, die 1980 in Hamburg geboren wurde, ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages. Dort war sie von November 2019 bis Oktober 2023 zusammen mit Dietmar Bartsch Fraktionsvorsitzende der Linken. 2019 sprach sich die Tochter eines Ägypters und einer Deutschen in einem Interview für offene Grenzen aus und lehnte Abschiebungen grundsätzlich ab. Im Jahr 2023 plädierte sie dafür, die (Wirtschafts-)Migration nach Deutschland zu begrenzen. Zudem sprach sie sich dafür aus, Asylverfahren zu beschleunigen und diese an der Außengrenze oder sogar in Drittstaaten durchzuführen.
Ein Coup ist die Einbindung von Thomas Geisel in das „Bündnis Sahra Wagenknecht“. Am BSW-Gründungstag trat der frühere Oberbürgermeister von Düsseldorf aus der SPD aus. Von seiner Ex-Partei verabschiedete er sich mit den Worten, seine „sozialdemokratischen Grundsätze“ seien im BSW eher vertreten als in der SPD. Sein Wechsel sorgt bei seiner alten Partei für Kopfschütteln. Die NRW-SPD übte jedenfalls massive Kritik am Wechsel zur Wagenknecht-Partei. Geisel habe sich nach seiner Amtszeit verannt, sagte Generalsekretär Frederick Cordes dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Mit seiner Kandidatur stelle er sich selbst ins Abseits und lasse zu, dass auf seine erfolgreiche Amtszeit als Düsseldorfer Oberbürgermeister fortan ein Schatten liegen werde.
Neben Thomas Geisel ist Fabio De Masi einer der beiden BSW-Spitzenkandidat für die Europawahl 2024. De Masi, 1980 in Groß-Gerau geboren, ist das Kind eines italienischen Gewerkschaftsmitglieds und einer deutschen Sprachdozentin. Sein Großvater väterlicherseits war ein Partisan im Piemont, der für die Befreiung Italiens vom Faschismus kämpfte. Von 2005 bis 2014 war der Finanzpolitiker als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag tätig, unter anderem für Sahra Wagenknecht.
Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ will die deutsche Politik prägen

Insgesamt positionieren sich von den Befragten die Wählerinnen und Wähler der neuen Wagenknecht-Partei auf dem politischen Spektrum gleich wie die Anhänger der SPD: Sie halten sich für etwas weniger links als Grünen-Wähler und für wesentlich weniger links als die Anhänger der Linken.

Die AfD muss also kaum neue Konkurrenz fürchten – anders als die etablierten linken Kräfte. Lars Klingbeil (SPD) hat sich der BSW gegenüber aufgrund ihrer europakritischen Haltung bereits skeptisch geäußert. Eine weitere Zersplitterung der gesellschaftlich progressiveren Fraktionen im Bundestag könnte dazu führen, dass Koalitionen aus drei oder mehr Parteien in Zukunft die Norm werden. Insbesondere, weil sich die Union gegen immer mehr Zusammenarbeiten ausspricht: Neben der AfD und Linken stehen vielerorts auch die Grünen auf der schwarzen Liste. Auch das BSW löste bei der CDU bisher keine Begeisterung aus. Mit noch mehr Akteuren Kompromisse finden zu müssen, erschwert das Regieren – und könnte der AfD im Endeffekt in die Karten spielen. (ah)

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa | Lukas Barth

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